KINDER- UND JUGENDLICHEN-PSYCHOTHERAPIE
Zeitschrift für Psychoanalyse und Tiefenpsychologie

Die führende
Fachzeitschrift für
Kinder- und Jugendlichen-Psychoanalyse

Aus dem Inhalt 

  • HANS KEILSON

    Entwicklung des Traumabegriffs

    Die Schwierigkeit, das Phänomen der Verfolgungssituation zu erfassen, zeigt sich u. a. in den Bemühungen verschiedener Autoren, psychopathologische Folgeerscheinungen der extremen Belastungssituation in psychologisch-psychiatrische Termini zu übersetzen und von hier aus den Zusammenhang zwischen traumatischem Ereignis, Traumaerlebnis und Traumareaktion zu erörtern. Damit wird ein Problemkreis sichtbar, dessen theoretische Erwägungen und Verwicklungen auch in seinen praktisch-sozialen Bezügen das psychiatrische Denken beschäftigt hat, seit Oppenheim in seiner 1889 erschienenen Monographie über die »traumatische Neurose« deren Formalgenese, Kausalgenese und Symptomatologie zu einer in sich geschlossenen nosologischen Einheit zusammengefasst hat. 

  • KORINNA FRITZEMEYER

    Auswirkungen unverarbeiteter Traumatisierungen
    im Kontext von Verfolgung und Zwangsmigration
    auf die frühe Mutter-Kind-Interaktion

    Im Kontext der aktuellen sogenannten Flüchtlingskrise kommen viele Menschen aus Kriegs- und Krisengebieten nach Deutschland. Es ist davon auszugehen, dass viele aus lebensbedrohlichen Situationen geflohen sind und dass sich ihre unverarbeiteten traumatischen Erfahrungen auf ihre Kinder auswirken bzw. dass diese selbst Traumatisierungen ausgesetzt waren.

    Im Rahmen der vom Sigmund-Freud-Institut in enger Kooperation mit dem Anna-Freud-Institut in Frankfurt a. M. konzipierten und implementierten psychoanalytischen Frühpräventions- und Integrationsprojekte nehmen Mütter und ihre Kleinkinder (null bis drei Jahre) in Frankfurt a. M. und Berlin an psychoanalytisch moderierten Mutter-Kind-Gruppen teil. Ziel dieser ERSTE SCHRITTE-Gruppen ist es, die Weiter­gabe unverarbeiteter Traumatisierungen und negativer Erfahrungen zu verhindern bzw. ihre Auswirkungen auf die Kinder abzumildern sowie die psychosoziale Integration der Familien zu unterstützen.

    Anhand eines ausführlichen Fallbeispiels einer Mutter, die im Kontext von religiöser Verfolgung ihre Eltern verloren hat und daraufhin zwangsmigriert ist, wird eine frühe Mutter-Kind-Interaktion – u. a. mithilfe der Emotional Availability Scales (EAS; Biringen, 2008) – beschrieben und diskutiert. 

  • GABRIELE TECKENTRUP

    Flucht und Trauma

    In meinem Artikel werde ich aus der psychotherapeutischen Behandlung eines jugendlichen Kriegsflüchtlings berichten, der wegen somatischer Beschwerden zu mir in die Behandlung gekommen ist. Am Beispiel dieser Behandlung, die, obwohl sie inzwischen einige Zeit zurückliegt, nichts von ihrer Aktualität verloren hat, möchte ich aufzeigen, dass die Symptome des Patienten Ausdruck seiner psychischen Extremtraumatisierung sind, und ich werde der Frage nachgehen, inwieweit die körperlichen Symptome auch Ausdruck sind für unbewusste Konflikte, die aus den Primärbeziehungen des Patienten rühren und die durch die traumatisierenden Erfahrungen in der Pubertät revitalisiert und verschärft worden sind. 

  • DOROTHEE BORTEL

    »Wo ist der Papa?«

    Tiefenpsychologisch fundierte Therapie
    eines zu Behandlungsbeginn 2;9 Jahre
    alten afrikanischen Jungen nach Vaterverlust

    Im vorliegenden Fall geht es um die tiefenpsychologisch fundierte Arbeit mit einem 2;9-jährigen afrikanischen Jungen, Louis und seiner Mutter, Madame Q. Die Behandlung erfolgte zunächst in französischer Sprache. Mit Louis konnte nach einem halben Jahr auf Deutsch weitergearbeitet werden.

    In der Therapie wird deutlich, wie eng der Junge anfangs noch mit der »unverdauten« Trauer der Mutter verbunden ist und wie sich beide allmählich aus der phantasmatischen Verwicklung lösen und entwickeln können. Louis gelingt es auf seine Art und Weise, sich mit der Frage der Loslösung von der Mutter und der Suche nach seinem Platz als Subjekt in der Familie, seiner interkulturellen Lebenswelt auseinanderzusetzen. Es werden in dieser Fallgeschichte hauptsächlich er und seine Mutter zu Wort kommen, um den Leser an den Veränderungsprozessen teilnehmen zu lassen.

  • CLAUDIA BURKHARDT-MUßMANN

    Ankommende und Aufnehmende:
    Begegnungen mit Müttern
    ohne adoleszente Loslösung

    Das Frühpräventionsprojekt ERSTE SCHRITTE und das Nachfolgeprojekt »Jasmin – zwischen Traum und Trauma«, zwei Gruppenangebote der psychoanalytischen Institute Sigmund- und Anna-Freud in Frankfurt a. M., verstehen sich als aufnehmende Einrichtungen, die neu in Deutschland ankommenden Migrantenmüttern und Flüchtlingsfrauen und ihren Kleinkindern einen Übergangsraum anbieten.

    Das zugrunde liegende psychoanalytisch fundierte Konzept stellt für die Begegnungen zwischen Ankommenden und Aufnehmenden einen Rahmen zur Verfügung, der einerseits die psychologischen Folgen von Migration, bzw. Flucht und Verfolgung berücksichtigt – u. a. durch Langfristigkeit und Kontinuität der Angebote, und andererseits die soziokulturellen Erfahrungen der Mütter. Diese sind geprägt durch Aufwachsen in traditionalen Strukturen mit familialen Abhängigkeiten, in denen für Frauen keine adoleszente Entwicklung vorgesehen ist.

    Die Begegnungen in den Gruppenangeboten legen die Vermutung nahe, dass der fehlende Loslösungsprozess der Mütter die frühen Beziehungsstrukturen zu den Kindern in spezifischer Weise determiniert und ihre eigene verbundenheitsorientierte Erfahrung fortsetzt.

  • AGATHE ISRAEL

    Wie erlebt und gebraucht das Baby
    seine BeobachterIn im Laufe der
    Säuglingsbeobachtung nach der Methode
    von Esther Bick?

    Überlegungen zu intersubjektiven Prozessen

    In dieser Arbeit wird versucht, die Beziehung zwischen Baby und BeobachterIn, die sich während einer teilnehmenden Säuglingsbeobachtung nach der Methode Esther Bick entwickelt, aus der Perspektive des Babys zu beschreiben. Die Grenzen dieses Vorhabens werden diskutiert.

    Ausgehend von beobachtbaren Phänomenen wird untersucht, wie das Baby mit der BeobachterIn präverbal kommuniziert und wie es ihr wohlwollendes Interesse und zuverlässiges Containment, verbunden mit ihrer Handlungspassivität (Zurückhaltung) nutzt, zu lernen, psychische Funktionen selbst auszuüben, um ein eigenständiges Wesen zu werden. Es wird beschrieben, wie das Kind sie in emotionalen Notlagen nutzen kann oder um Erfahrungen zu verdauen oder um sein Nachträglich-Sein zu unterstützen oder um den dritten Anderen zu erkennen.

    Danach wird darauf eingegangen, wie die fortschreitende Entwicklung des Kindes seine Beziehung zur Beobachterin wandelt. Abschließend wird reflektiert, wie alle Beteiligten die Leidenschaft zusammenführt, emotional lernen zu müssen und zu wollen.

  • SABINE VOGEL

    Erschütterung der Menschen –
    Erschütterung des Settings?

    Überlegungen zu intersubjektiven Prozessen

    Konferenz über die psychoanalytische Arbeit
    mit Flüchtlingen und Flüchtlingsfamilien
    am Anna-Freud-Institut, Frankfurt a. M.

    Kurzbericht

    Im Rahmen einer Erweiterten Ambulanzkonferenz fand im November 2016 am Anna-Freud-Institut ein Erfahrungsaustausch über die besonderen Herausforderungen und Schwierigkeiten der therapeutischen Arbeit mit geflüchteten Kindern, Jugendlichen und Familien statt. Das Bedürfnis nach einem Austausch war entstanden, da sich seit Beginn der sogenannten »Flüchtlingskrise« im Sommer 2015 mehr und mehr Kolleginnen und Kollegen – nicht nur in der Ambulanz des Instituts, sondern auch in den Praxen – auf erste Erfahrungen eingelassen hatten und mit Erstinterviews, mit Kriseninterventionen in Flüchtlingseinrichtungen und mit Kurzzeit- oder sogar Langzeitbehandlungen begonnen hatten.

    Es gab und gibt ein zwiespältiges Echo unter den Analytischen Kinder- und Jugendlichen-PsychotherapeutInnen: Einige stellten die Frage, ob es angemessen sei, den Menschen, die doch mit dem »Ankommen«, also mit den äußeren Bedingungen ihres Aufenthaltes beschäftigt seien, Psychotherapie, gar analytische Psychotherapie anzubieten.

    Die KollegInnen, die sich dennoch auf psychotherapeutische Begegnungen einließen, machten neben hochinteressanten und berührenden auch enttäuschende Erfahrungen von unaufgelöster Fremdheit, von Missverständnissen bzw. Fehlinterpretationen auf beiden Seiten, von unverstandenen Abbrüchen und dergleichen. Ziel der Konferenz war es daher, die aufgeworfenen Fragen in der Konferenz zu bündeln und zu ersten Antworten zu gelangen.

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